Björnsdóttir: Blackout Island

Dystopien sind angesagt, wer wollte das bezweifeln? In einer Gesellschaft, deren tragende Strukturen wanken, wuchert die Angst vor der Zukunft. Bürgerkriege, Umweltschäden, Seuchen und Krieg erheben sich wie die vier apokalyptischen Reiter am Horizont der Zukunft. Das vorliegende Buch der insländischen Journalistin Sigridur Hagalin Björnsdóttir buchstabiert das Einmaleins der Dystopie am Beispiel Islands.

Plötzlich und ohne Vorwarnung bricht der Kontakt Islands zur Außenwetl ab.  Kein Internet, kein Telefon kein Fax, es ist plötzlich so, als befindet sich die Insel in einem Loch jenseits der Welt. Was in dieser Welt geschehen ist, weiß niemand. Vielleicht gibt es sie gar nicht mehr, so dass Island alleine zurechtkommen muss. Sofort kommt es zur  Redifferenzierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Leute fahren mit ihrem Plasmabildschirm aufs Land und tauschen sie gegen Eier, Butter, Käse und Milch, die Kinder essen Grütze in der Schule, die Preise steigen, die Medikamente werden knapp, Kulturinstitute werden geschlossen. Kinder verlassen ihre Familien und schließen sich zur Banden zusammen, die raubend durch die Straßen ziehen.  Die Zentralbank druckt das Geld wie Papier, so dass die Währung bald wertlos wird. Eine Rumpfregierung beginnt mit Rationierungen und Pressezensur und weigert sich, Neuwahlen auszuschreiben. Es kommt zu Straßenschlachten und Bombenanschlägen, das ganze Sinfonieorchester von Reykjavik stirbt bei einem Attentat im Opernhaus. Gewalt, Prostitution, Mord und Raub breiten sich aus, die Sicherheitsorgane ziehen wie einst die kommunistischen Requirierungskommandos über Land und plündern die Bauner aus. Bald wird klar, dass Island einer Hungerkatastrophe entgegengeht, denn trotz aller Bemühungen können mit den vorhandenen Ressourcen allenfalls 200.000 Menschen ernährt werden, d. h. 150.000 Menschen sind zu viel. Schließlich werden  Ausländer und Touristen ohne genügend Treibstoff auf alten Schiffen aufs Meer verfrachtet, wo sie der sichere Tod erwartet.

Wer am Ende des Romans eine wie immer auch geartete „Lösung“ erwartet, wird enttäuscht. Island bleibt isoliert. Das Elend eskaliert. Nur weit abseits der städtischen Zentren bilden sich keine Versorgungseinheiten, die auf einfachsten Niveau überleben. Ob sie der Nukleus eines Neuanfangs sein könnten, bleibt ungewiss.

Erzählt wird die Geschichte vom Blackout Islands aus dem Blickwinkel einer Reihe von Personen, die sich in kurzen Einblendungen zu Wort melden:  eines Journalisten, eines Arztes, einer zugewanderten Geigerin und ihrer Kinder, der Ministerpräsidentin und eines Einsiedlers. Rein erzähltechnisch funktioniert das wie ein sehr grober Hobel, und Liebhaber literarische Feinheiten werden in diesem Buch nicht fündig werden. Das Buch lebt allein von seinem Plot, der auf dem Niveau eines Jugendbuches entfaltet wird. Womit ich nichts gegen Jugendbücher gesagt haben möchte, wenn sie zugleich belehren und unterhalten, und dies ist bei dem vorliegenden Buch durchaus der Fall.