Hansen: Das Jahr 1000. Als die Globalisierung begann (Erste Rezension)

Es gibt eine gewisse Faszination der Gleichzeitigkeit, d.h. den Reiz, sachlich und geografisch weit auseinander liegende Sachverhalt ihrer chronolischen Simultanität zu betrachten. Als einer der ersten hat Karl  Jaspers dies in seiner „Achsenzeit“-Theorie am Beispiel seiner „maßgeblichen“ Menschen dargestellt. Ist es ein Zufall, fragte er, dass in der kurzen Zeitspanne vom sechsten zum fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung drei große epochale Gestalten gleichzeitig auftraten? Nämlich Konfuzius, der geistige Vater des chinesischen Kulturkreises, Buddha der Begründer der großen asiatischen Weltregion und Sokrates, der Pate des Abendlandes? (Wenn man wollte könnte man auch noch Zarathustra hinzufügen). Wirklich beantwortet hat er diese Frage nicht, er stimulierte jeodoch den Impuls, das, was Sokrates Buddha und Konfuzius gesagt haben, in ihrer Gleichzeitigkeit zu betrachten.

Die Yale-Historikerin Valerie Hansen fragt nach der Bedeutung des des Jahres 1000, nicht, weil es ein „rundes“ Datum ist, und auch nicht, weil sich ein Buch über das Jahr 1000 im Jahr 2000 gut verkauft, sondern weil es ihrer Ansicht nach ein Epochenjahr darstellt, nämlich den Beginn der globalisierten Welt. Hoppla, denkt man, Globalisierung schon Im Mittelalter, und das ganz ohne Whats App? Aber der Reihe nach.

Hanson beschreibt die Gleichzeitigkeit von Vladimir von Kiew, der 988 sich aus den Weltreligionen bedient und für sein Volk das Christentum wählt. Ist es ein Zufall, fragt die Ajutorin, dass zur Jahrtausendwende der Norden Europas christlich wird?  Und dass zur gleichen Zeit Mahmud von Ghazi die Herrschaft über Zentralasien gewinnt und die Islamisierung der Seidenstraße einläutet? Kurz vor Jahrtausendwende (966) hatte sich in China das Imperium des Song gebildet, der mit Abstand reichste und zivilisierteste Staat der damaligen Welt. Wer wollte hier Otto den Großen verschweigen, der 962 das heilige römische Reich wieder begründete. Oder die wackeren Araber und Iraner, die um 1000 übe den Indischen Ozean kamen und die Swahilikultur in Ostafrika begründeten. Oder die indischen Chola-Dynastie, die um 1000 ihre großen Flotten ausrüstete, um damit nach Südostasien zu segeln. Ganz zu schweigen von Erik Vater und Sohn, die über den Atlantik nach Grönland und Amerika segelten.  Alles passiert rund um das Jahr tausend. Potzdonner!

Kein Zweifel, man wird dieses Buch mit Interesse lesen, gerade weil es von Regionen handelt, die in unserer Geschichtsbetrachtung meistens nicht vorkommen. Im Grunde hat die Autorin eine Weltgeschichte des 10.-12. Jahrhunderts vorgelegt und man wundert sich, dass nicht auch die Tolteken ihren Auftritt haben, die um das Jahr 1000 Chichen Itza und Uxmal in Yukatan gründeten.

Aber es bleibt die Frage nach der Berechtigung der Konzentration auf das Jahr 1000.  Wurde tatsächlich etwas grundlegend anders in dieser Zeit? Ja und nein würde Radio Eri waren antworten. Natürlich wurde etwas anders in dieser Zeit weil jede Zeit Veränderung bedeutet. Quanzhou, der Hafen der Song, und Kattegatt, wo Ragnar Lopbruk sein Unwesen trieb, König Knut der Große von Dänemark und Machmud von Ghazni hatten nur insofern etwas miteinander zu tun, als die Welt in einem kontinuierlichen Prozess von Jahrhundert auf Jahrhundert langsam zusammen wuchs. Einen disruptiven Bruch bzw. Neuanfang, der um das Jahr 1000 der Weltgeschichte eine neue, globalisierte Richtung gab, weist die Autorin aber nicht nach. Allenfalls der Fernhandel (mit Sklaven und Luxuswaren) nahm sprunghaft zu, wie man an der Verteilung der Münzen in allen teilen der Welt nachvollziehen kann.

In ihrer Bemühung, möglichst viel Disruptives um das Jahr 1000 ausfindig zu machen, schießt sie sogar einen kapitalen Bock, indem sie den zweiten und dritten Schub der polynesischen Erkundung des Pazifiks (die Entdeckung von Tahiti, den marquesas, der Hawaii Inseln, der Osterinseln und Neuseelands)  auf und um das Jahr 1000 datiert.  Die meisten radiokarbongeprüften Daten geben allerdings viel frühere Ankünft an.

Irren ist menschlich, könnte man sagen und für wen träfe das mehr zu als für den Historiker? Macht aber nichts, das Buch ist trotzdem interessant und lehrreich, wenn sein Wert auch eher in den Details als in dem Nachweis der Schlüsselthese liegt.

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