Knopp: Hitlers Krieger

Knopp Hitlers KriegerAls das deutsche Schlachtschiff „Dresden“ im Herbst 1914 im Pazifik vom Ausbruch des ersten Weltkrieges überrascht wurde, kam das einem Todesurteil gleich, denn gegen die Royal Navy war auf den Weltmeeren kein Kampf zu gewinnen. Die „Dresden“ wird auch schnell von der „Glasgow“ versenkt, die Besatzung kann sich jedoch an das chilenische Ufer retten, wo sie interniert wird. Der junge Seeoffizier Wilhelm Canaris flieht aus der Internierung, überquert im Winter die Anden, durchwandert Argentinien und schlägt sich wieder bis nach Deutschland durch. In den nächsten Jahren arbeitet er als Agent und Kontaktmann des kaiserlichen Heeres in Spanien, um die Versorgung der deutschen U-Boote sicherzustellen. Nach der Niederlage des 1.Weltkrieges schließt sich Canaris den Freikorps an und spielt eine höchst zweifelhafte Rolle bei der Aburteilung der Luxemburg-Liebknecht-Mörder, verhilft sogar einem zur Flucht, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Ganz anders Ernst Udet, eines der Kampffliegerasse des 1. Weltkrieges, der sich in der Zeit Republik als Schauflieger und Partylöwe durchschlägt und der mit seinen Fliegereinsätzen in den ersten deutschen Spielfilmen zum Idol der Jugend aufsteigt. So wie Canaris durch seine Bekanntschaft mit Reinhard Heydrich in der Zeit des Dritten Reiches seinen Aufstieg erlebt, so wird Ernst Udet von seinem ehemaligen Fliegerkollegen Hermann Göring als öffentliche Galionsfigur in die Wiederaufrüstung der deutschen Luftwaffe involviert.
Canaris und Udet, der Chef der Abwehr und das Aushängeschild der Luftwaffe, sind nur zwei von sechs Schicksalen, die Guido Knopp in dem vorliegenden Buch unter dem Titel „Hitlers Krieger“ behandelt. Mit von der Partie sind noch Generalfeldmarschall Rommel, der Held von Nordafrika, dem seine Verstrickung in den Widerstand zum Verhängnis wurde, und Ernst von Manstein, das unbestrittene militärische Genie der Wehrmacht, der geistige Vater des „Sichelschnittes“ gegen Frankreich und der Retter der Kaukasusheere, der es als einziger wagen konnte, Hitler zu widersprechen. Wird man Canaris, Rommel und Manstein das menschliche Format nicht absprechen können, gilt das nur eingeschränkt für den labilen und unsteten Udet und den Generalfeldmarschall Paulus, dem Verlierer von Stalingrad, der anders als der überwiegende Teil seiner 200.000 Soldaten in Russland gut über die Runden kam und der sich, nachdem er dem nationalsozialistischen Regime gedient hatte, nach 1949 auch noch der kommunistischen Propaganda in der DDR zur Verfügung stellte. Als bloßer Ja-Sager ohne jedes eigene menschliche und moralische Format erscheint dagegen Wilhelm Keitel, der Oberbefehlshaber der letzten Kriegsmonate, der sogar den Kommisaarbefehl gegenüber interner Wehmachtskritik verteidigte
So packend die sechs Kurzbiographien von Rommel, Manstein, Keitel, Paulus, Udet und Canaris zu lesen sind – die eigentliche Hauptfigur bleibt Hitler, dessen Faszination alle zunächst erlagen, bis sie sich an der Entwicklung des Regimes rieben, protestierten wie Rommel oder Manstein, resignierten wie Paulus, sich umbrachten wie Udet, kollaborierten wie Keitel oder wenigstens wie Canaris am Ende eines langen Irrweges sich dem Widerstand anschlossen. So kann dieses ausgezeichnete und ungemein spannend geschriebene Buch auch als eine Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jhdts. gelesen werden, verfasst aus sechs Perspektiven, gruppiert um die finale Person Hitlers, der nicht nur diesen sechs sondern ganz Europa zum Verhängnis wurde.Knopp Hitlers Krieger

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